Nachhilfe bei Frau Keller Teil 111
Donnerstagnachmittag – Café „Lindenhof“
Anna war zehn Minuten zu früh da. Sie hatte sich bewusst zurückhaltend angezogen: eine dunkle Jeans, ein weiches, figurbetontes Oberteil und leichte Schminke. Nichts Aufreizendes, aber sie wusste, dass sie gut aussah. Ihr Herz schlug etwas schneller, als sie den Eingang im Blick behielt.
Nina kam pünktlich. Sie trug ein schlichtes, aber sehr vorteilhaftes Kleid, das ihre schlanke Figur betonte, und lächelte, sobald sie Anna sah. Die Umarmung zur Begrüßung war etwas länger und enger als bei bloßen Bekannten.
„Schön, dass wir das machen“, sagte Nina und setzte sich. Ihre Stimme war warm und ruhig.
„Ich freue mich auch“, antwortete Anna. „Nach dem Yoga-Kurs hatte ich das Gefühl, dass wir uns noch ein bisschen besser kennenlernen sollten.“
Sie bestellten Kaffee – Nina einen flat white, Anna einen cappuccino – und fingen mit harmlosen Themen an. Der Yoga-Kurs, die Lehrerin, wie schwer es manchmal sei, nach der Arbeit noch zur Ruhe zu kommen. Nina lachte viel, und Anna merkte, dass sie ihre Gesellschaft genoss. Die Blicke zwischen ihnen hielten immer wieder etwas länger, als es nötig gewesen wäre.
Nach etwa zwanzig Minuten wurde das Gespräch persönlicher.
„Du hast letztes Mal im Kurs etwas von privaten Gedanken gesagt“, bemerkte Nina und drehte ihr Glas langsam zwischen den Fingern. „Das hat mich neugierig gemacht. Du wirkst so… geerdet. Und gleichzeitig irgendwie offen.“
Anna lächelte schief. „Geerdet bin ich. Aber offen auch. Manchmal mehr, als den meisten Leuten klar ist.“
Nina hob eine Augenbraue. „Inwiefern?“
Anna überlegte kurz, wie weit sie gehen sollte. Sie wollte nichts überstürzen, aber auch nicht ewig um den heißen Brei reden.
„Ich bin seit einer Weile in einer festen Beziehung“, sagte sie ruhig. „Mit einem Mann, den ich sehr liebe. Wir sind uns nah und ehrlich miteinander. Und in letzter Zeit habe ich gemerkt, dass ich… mehr Seiten an mir entdecken will. Besonders, was Frauen angeht.“
Nina blieb einen Moment still. Ihre Finger spielten weiter mit dem Glas, aber ihr Blick wurde aufmerksamer.
„Frauen?“, wiederholte sie leise.
Anna nickte. „Ja. Ich stehe auf Männer – ganz klar. Aber ich merke immer stärker, dass mich Frauen auch anziehen. Nicht nur äußerlich. Sondern… die Nähe. Die Art, wie sich das anfühlt. Ich habe das lange verdrängt, aber inzwischen will ich es nicht mehr verstecken.“
Nina lehnte sich etwas zurück und sah Anna lange an. Es war kein abweisender Blick. Eher prüfend und interessiert.
„Das ist mutig, das so offen zu sagen“, bemerkte sie. „Die meisten würden das erst nach mehreren Gläsern Wein erwähnen.“
Anna lachte leise. „Vielleicht bin ich einfach gerade in einer Phase, in der ich weniger Angst habe, ehrlich zu sein. Und bei dir hatte ich das Gefühl, dass ich es riskieren kann.“
Nina lächelte, diesmal weicher. „Du liegst nicht ganz falsch mit dem Gefühl.“
Die Luft zwischen ihnen veränderte sich spürbar. Anna spürte ein leichtes Kribbeln im Magen.
„Du stehst also auch auf Frauen?“, fragte sie vorsichtig.
Nina brauchte einen Moment, bevor sie antwortete. „Ich habe… Erfahrungen. Nicht viele. Aber genug, um zu wissen, dass es mich anzieht. Ich war die meiste Zeit mit Männern zusammen. Trotzdem gibt es diese Momente, in denen ich eine Frau anschaue und denke: Da ist mehr. Mehr Neugier. Mehr Lust.“
Anna spürte, wie sich etwas in ihr löste. „Dann sind wir uns in dem Punkt ähnlicher, als ich dachte.“
Nina sah sie direkt an. „Und dein Freund? Wie steht er dazu?“
„Er weiß davon“, antwortete Anna ehrlich. „Mehr noch – er unterstützt es. Er findet es sogar erregend, wenn ich mich zu Frauen hingezogen fühle. Wir haben schon überlegt, ob wir das irgendwann zu dritt ausprobieren. Aber nur, wenn es sich richtig anfühlt. Kein Druck. Keine Erwartungen.“
Nina atmete hörbar aus. Ihre Wangen waren leicht gerötet.
„Zu dritt“, wiederholte sie langsam. „Also du, er… und eine Frau.“
„Ja.“ Anna hielt ihren Blick. „Aber das steht nicht am Anfang. Zuerst wollte ich einfach herausfinden, ob du überhaupt in die Richtung denkst. Ob da Interesse ist. An mir. Oder an dem Gedanken.“
Nina schwieg eine Weile und sah Anna dabei intensiv an. Dann sagte sie leise:
„An dir ist Interesse. Das habe ich schon beim Yoga gemerkt. Die Art, wie du dich bewegst. Wie du mich anschaust. Und jetzt, wo du so offen bist… macht es das nicht gerade einfacher.“
Anna spürte, wie ihr Herz schneller schlug. „Und der Gedanke an einen Dreier?“
Nina lächelte schwach, aber ehrlich. „Der macht mir ein bisschen Angst. Aber er macht mich auch neugierig. Sehr sogar. Ich weiß nur nicht, ob ich das wirklich könnte. Oder ob ich nur mit dem Feuer spiele.“
Anna nickte verständnisvoll. „Das ist okay. Ich will nichts erzwingen. Ich wollte nur ehrlich sein. Und schauen, ob wir uns weiter näherkommen können – in einem Tempo, das für dich stimmt.“
Nina sah sie lange an. Dann streckte sie die Hand über den Tisch und berührte kurz Annas Finger.
„Ich würde dich gerne besser kennenlernen“, sagte sie. „Nicht nur beim Yoga. Und nicht nur bei Kaffee. Langsam. Aber… ich bin nicht abgeneigt.“
Anna drehte ihre Hand und ließ die Finger kurz ineinander liegen. Die Berührung war leicht, aber geladen.
„Dann machen wir das so“, antwortete sie. „Langsam. Und ehrlich.“
Sie blieben noch fast eine Stunde sitzen. Das Gespräch wurde wieder leichter, aber die Unterströmung blieb. Sie lachten, erzählten von alten Beziehungen, von Momenten, in denen sie sich zu Frauen hingezogen gefühlt hatten. Als sie sich verabschiedeten, war die Umarmung deutlich länger und enger als zu Beginn.
Nina flüsterte Anna beim Loslassen ins Ohr: „Schreib mir. Bald.“
Anna lächelte. „Mach ich.“
Später am Abend bei Jonas
Anna kam nach Hause und erzählte Jonas alles – die Blicke, die Berührungen, Ninas Offenheit und ihre vorsichtige Neugier auf den Gedanken eines Dreiers.
Jonas hörte zu, zog sie auf seinen Schoß und küsste sie langsam.
„Klingt, als wäre da echtes Potenzial“, murmelte er. „Und als würdest du es genau richtig angehen.“
Anna kuschelte sich an ihn. „Ich will es nicht kaputtmachen. Aber ich will es auch nicht verpassen.“
Jonas strich ihr über den Rücken. „Dann bleib genau so dran. Langsam. Und ich bin dabei – so oder so.“
Die Anbahnung war einen entscheidenden Schritt weiter.
Nina war interessiert.
Und der Gedanke an mehr lag jetzt offen zwischen allen dreien.